Soziologische Erklärung nach Lindenberg und Wippler

Das Erklärungsmodell von Lindenberg und Wippler dient Essers Erklärungsmodell als Vorlage. Esser schreibt, sein „Modell folgt in seiner Grundstruktur einigen früheren Vorschlägen. insbesondere Siegwart Lindenberg und Reinhard Wippler“ (Esser, 1993, S. 98, Fußnote 3. Punkt nach „Vorschlägen“ wie im Original)

Lindenberg und Wippler sind der Ansicht, dass eine „Theorie kollektiver Tatbestände und Prozesse“ mindestens aus zwei Erklärungen besteht, „die in einer solchen Weise miteinander verbunden sind, daß das Explanandum der ersten Erklärung ein Teil des Explanans der zweiten ist.“(1978, S. 225)

Was bedeutet Erklärung, Explanans, Explanandum etc.?

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Erklärung 1

Die erste Erklärung enthält im Explanans zum einen „allgemeine Aussagen über Verhalten, Kognitionen oder Motivationen“(ebd., S. 222); zum anderen wenigstens eine Randbedingung. Im Explanandum der ersten Erklärung „stehen die individuellen Effekte, die aus den Propositionen [gemeint sind die generellen Aussagen] und Anfangsbedingungen abzuleiten sind.“ (Lindenberg/Wippler, 1978, S. 223)

Allgemeines Gesetz über eine Kognition: Wenn Person A Vorteile von Person B erwartet, dann erzeugt A dem B Respekt.

Randbedingung: Person A erhofft sich einen Vorteil von Person B.

Explanandum: Also gilt: A erzeigt B Respekt.

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Erklärung 2

Die zweite „Erklärung“ enthält im Explanans – im einfachsten Fall – zum einen eine partielle Definition. (Bei einer partiellen Definition wird das zu Definierende nur unter Bedingungen definiert; vgl. Essler, 1970, S. 124-137. Beispiel: Eine partielle Definition des Begriffs „wasserlöslich“ lautet: „Wenn etwas in Wasser gegeben wird und wenn es sich dann auflöst, nennen wir es wasserlöslich.“ (Poser, 2001, 95-96).) . Zum anderen enthält die Erklärung im Explanans wenigstens zwei Randbedingungen; eine dieser Randbedingungen ist das Explanandum der ersten Erklärung. Im Explanandum der zweiten Erklärung stehen die kollektiven Effekte.

Beispiel:

Partielle Definition : „Wenn A B Respekt erzeugt und B sich durch A respektiert fühlt und wenn A und B dies in gleicher Weise wahrnehmen, dann besteht zwischen A und B eine Statusstruktur.“(1978, S. 223)

1. Randbedingung: A erzeugt B Respekt (= Explanandum der ersten Erklärung).

2. Randbedingung: Die einseitige Respektbezeugung wird durch A und B in gleicher Weise wahrgenommen.

Explanandum: Also besteht eine Statusstruktur zwischen A und B.

Bei der zweiten „Erklärung“ handelt es sich allerdings nicht um eine Erklärung eines sozialen Phänomens, sondern um die Begründung einer Definition eines sozialen Phänomens, da im Explanans lediglich eine partielle Definition enthalten ist. Etwas kryptisch schreiben Lindenberg und Wippler selbst: „Die zweite Erklärung erfüllt also nur formal (d. h. in Bezug auf die Argumentationsstruktur) die Anforderungen des „covering law model“ und lässt andere Erfordernisse unberücksichtigt.“(1978, S. 225)

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Wieso ist Erklärung 2 keine Erklärung?

Bei einer klassischen Erklärung wird ein Phänomen durch ein anderes Phänomen erklärt. Wenn Phänomen X, dann Phänomen Y. Beispiel: „Wenn Wolken sich abkühlen, dann regnet es.“ Das Phänomen Regen wird durch ein anderes Phänomen, die Abkühlung der Wolken, erklärt.

Bei der partiellen Definition, wird zwar auch die Wortfolge „Wenn …, dann … .“ verwendet. Ausgefüllt wird sie aber nicht durch die Beschreibung zweier Phänomene, sondern durch die Beschreibung eines Phänomens und durch ein Wort (oder einen Begriff). Beispiel: „Wenn es flüssigen Niederschlag gibt, dann sprich von „Regen“. Das Wort „Regen“ wird nicht durch das Phänomen des flüssigen Niederschlags erklärt.

Mit ihrem Vorschlag einer partiellen Definition lassen Lindenberg und Wippler den Leser im Regen stehen. Für Esser kein Grund, dem Modell nicht doch „in seiner Grundstruktur“ zu folgen. Übrigens: Esser wird das Problem der Aggregation nicht los. Er tauft es nur um: Aus dem Problem der Aggregation wird die „Logik der Aggregation“.

Literatur

  • Esser, H.: Soziologie. Allgemeine Grundlagen, Campus, Frankfurt 1993
  • Lindenberg, S.; Wippler, R.: „Theorienvergleich: Elemente der Rekonstruktion“, in: Hondrich, K. O.; Matthes, G. (Hrsg.), Theorienvergleich in den Sozialwissenschaften, 1978, S. 219-23

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